Jewgenij Lowtschew: Im “Azteca–Stadion“ waren wir ein wenig listig vorgegangen

Interview mit dem sowjetischen Spieler am Vorabend des 50. Jahrestages des „Azteca –Stadions“

13 Mai 2016
Hector Vivas/LatinContent/Getty Images

– Jewgenij Serafimowich, Sie kamen zur Weltmeisterschaft in Mexiko, als Sie 21 Jahre alt waren, ein sehr junger Mann für den Stammverteidiger der Nationalmannschaft. Erzählen Sie, wie wurden Sie in die Auswahl berufen?


Jewgenij Lowtschew, 1973, © Zufarow Walerij, Jakowlew Aleksandr / Fotochronik TASS
– Es gibt eine kleine Vorgeschichte zu erzählen. Am 1. Januar 1969 kam ich zu "Spartak" über einen Arbeitsvertrag und tatsächlich hatte ich nie von Mexiko geträumt. Gerade begann ich im Meisterteam, Anatolij Krutikow hatte sich noch im Vorjahr eine Verletzung zugezogen, und ich übernahm die Stelle des linken Abwehrspielers.

Im Mai wurde ich in die Jugendauswahl eingeladen. Im "Luzhniki-Stadion" fand ein Turnier statt, an dem die Erste Auswahl, die Olympische Auswahl, die Jugendauswahl und die Nachwuchsauswahl teilnahmen. Am ersten Tag wurden die Halbfinals durchgeführt, am zweiten Tag spielten die Jugendauswahl mit der ersten Auswahl und die Olympische Auswahl mit der Nachwuchsauswahl. Ich spielte für die Olympische Auswahl. Anscheinend hatte damals Gawriil Katschalin ein Auge auf mich geworfen, weil er einmal nach Tarasowka zum Training von "Spartak" kam, und der erfahrene Gennadij Logofet mir sagte: "Sie sind gekommen dich zu holen, hundertprozentig."

Damals gab es solche Trainer, die zu ihren Kollegen kamen. Es gab Trainerkommissionen, in die viele Trainer der führenden Vereine eingetreten waren, und sie halfen einander, schlugen vor, wer genommen werden konnte. Natürlich hing dies nicht nur davon ab, wie Lowtschew lief und den Ball schlug: wichtig waren auch menschliche Qualitäten und vieles andere. Katschalin kam, um mit dem Trainer von "Spartak", Nikita Simonyan, zu sprechen. Nachdem wurde ich eingeladen, für die Erste Auswahl zu spielen.

Ich erinnere mich gut an mein Auftaktspiel -es war in der DDR, in Leipzig, 2:2. Und dann kam es dazu, dass ich der Hauptverteidiger wurde. Ich hatte ein sehr gutes Jahr, ich wurde als der beste linke Abwehrspieler der UdSSR anerkannt, und war einer der 33 besten Spieler in der Saison.

– War es leicht, sich in die Mannschaft einzupassen?

– Es hat sich so ergeben, dass die Auswahl fünf Kiewer, fünf Georgier, fünf „Spartakisten“ - der drei Preisträger des Jahres 1969, aufstellte. Wir waren miteinander schon ziemlich befreundet, wir hatten eine lange Vorbereitungszeit. Am 16. Januar heiratete ich, und schon am 19. ging ich für den Lehrgang nach Bulgarien, und dann nach Südamerika, wir fuhren in viele Länder. Wir wurden ein Team. Ich war "in", obwohl es in der Auswahl ein Abwehrteam des Armeeklubs gab: Walentin Afonin, Wladimir Kaplitschnij, Albert Schesternew.

Als wir nach Mexiko losfuhren, sah ich, ein Junge, mich als Weltmeister, aber nach wir hier ankamen, war es anders.

Das Spiel zwischen Mexiko und der UdSSR in der Weltmeisterschaft 1970, im Estadio Azteca, 31. Mai 1970 © Central Press/Hulton Archiv/Getty Images

– Die Mannschaft der UdSSR nahm am Auftaktspiel im "Azteca" - super-Stadion teil, in Anwesenheit von mehr als 100.000 Zuschauern. Wie war es, in diese Arena zu kommen?

– Das Auftaktspiel - das ist eine Sache für sich. Wir waren da ein wenig listig vorgegangen. Ich meine, das Auftaktspiel verschiedene Aktivitäten beinhaltete. Damals kamen beide Mannschaften auf das Spielfeld, und sie standen dort für eine lange Zeit- es gab Reden, Tänze, noch etwas. In Mexiko waren damals etwa 35 Grad im Schatten, und in der Sonne waren es über 40 Grad. Die Hitze war schrecklich. Und wir hatten uns ausgedacht, während der Eröffnungsveranstaltung die zweite Auswahl unter der Leitung von Schesternew heraus zu schicken. Und die Stammmannschaft saß in der Zeit im Umkleideraum, im kühlen, und wartete auf die Beendigung des Festaktes.

Bei der Eröffnungsveranstaltung der WM-1970 zwischen Mexiko und der UdSSR waren 107.000 Menschen im „Azteca -Stadion“ anwesend. © Becke/Ullstein Bild/Getty Images

– Neben der Hitze ist es auch das Hochland. Es muss schwer gewesen sein, zu atmen?

– Wir bereiteten uns in Bulgarien vor, auch im Hochland. Aber man kann nicht sagen, dass es uns sehr beeinflusst hat. Ich, damals ein junger Mann, kann nicht mir erinnern, dass es in irgendeiner Weise Einfluss hatte. Aber die Hitze störte. Aber wir bereiteten uns doch darauf vor, wir kamen, spielten Freundschaftsspiele, und überhaupt verbrachten wir eine lange Zeit in Südamerika.

– In diesem Spiel wurden die ersten gelben Karten in der Geschichte der Weltmeisterschaften gezeigt, von denen Sie eine bekamen...

– Ja, wir bekamen fünf Karten. Ich erinnere mich sogar an den Schiedsrichter aus Westdeutschland, Kurt Tschenscher, der mir die Gelbe zeigte, obwohl ich in 10 Jahren in den UdSSR- Meisterschaften keine Karte erhalten hatte. Lange Zeit galt, dass ich der erste Spieler war, der eine gelbe Karte bei Weltmeisterschaften gezeigt war. Ich bekam sie nicht für die Grobheit, wie in der Statistik aufgezeichnet, ich war hinter dem Angreifer ein wenig zurückgeblieben, von einer Seite lief ich auf die andere, um näher zum Tor zu sein, und trat dem Gegner ein wenig in die Ferse. Man sagte mir, dass ich im Guinness-Buch der Rekorde sei als der Mann, der die erste Gelbe Karte erhielt. Aber dann las ich irgendwie in der Presse, dass ich kein derartiger Wegbereiter war. Das hatte mich interessiert, ich ging zu dem bekannten Journalisten Axel Wartanjan, der die Kassette dieses Spiels hat. Wir sahen sie an, und es stellte sich heraus, dass die erste gelbe Karte Kakhi Asatiani bekam. Außerdem bekam mein Sohn ein Buch geschenkt, herausgegeben von Gary Lineker, wo geschrieben steht, dass die erste gelbe Karte Penja, der Kapitän der Auswahl von Mexiko, erhielt.

– Waren Sie verärgert, als sich herausstellte, dass Sie nicht der erste waren?

– Ich bin nicht mehr in so einem Alter, mich können andere Episoden ärgern, aber keineswegs diese.

– Und außerdem gab es das erste Mal in der Geschichte der Weltmeisterschaften bei diesem Spiel einen Wechsel. Anatolij Puzatsch kam nach der Pause für Wiktor Serebrjanikow...

– Diese zwei Kiewer Dynamo-Aktiven waren sehr stark. Damals gewann "Dynamo" dreimal hintereinander die nationale Meisterschaft. Sie hätten vierfacher Meister werden können, aber wir stießen sie 1969 in einem Spiel in Kiew vom Thron, fast in der vorletzten Runde. Natürlich kamen von denen Puzatsch, Serebrjanikow, Witalij Khmelnizkij, Wladimir Muntjan, Anatolij Byschowez ... Bysсhowez war ein großartiger Fußballspieler, aber er hat sehr wenig gespielt. Er war ein toller Individualist, spielte großartig, war immer ein Mitglied des symbolischen Teams. Als er Trainer wurde, begann er, Fußball ganz anders zu verstehen. Wir sind Freunde und ich erinnere mich an seine Tore.

Der Torschütze der Auswahl der BRD, Gerd Müller, während des Halbfinales der WM 1970 zwischen der italienischen und der deutschen Auswahl, im „Azteca – Stadion“, 17. Juni 1970 © Mario de Biasi/Mondadori Portfolio via Getty Images

– Bei jener Weltmeisterschaft war Gerd Müller der Top-Torschütze. Die Auswahl der UdSSR und der BRD trafen nicht auf einander, aber haben Sie sein Spiel gesehen?

–Gerd Müller glänzte, aber wir müssen zugeben, dass der deutsche Trainer Helmut Sсhön klug gehandelt hatte. Er hatte den hervorragenden Angreifer Uwe Zeller gebeten, zurück zu treten und Aufbauspieler zu werden, und stellte Müller als Angriffsspitze auf. Am Ende erzielte er damals 10 Tore. Aber das beste Team war natürlich Brasilien mit Pele. Übrigens, wenn wir Uruguay besiegt hätten, wären wir im Halbfinale auf Brasilien getroffen. Ich denke, wir wären da zerrissen worden...

–Haben Sie Pele auf dem Feld getroffen?

– Ja, ich spielte im Abschiedsspiel Garrinchas für die Weltauswahl, und Pele nahm auch teil. Es war 1973 im "Marakanã", unsere Auswahl war auf einer Tournee durch Südamerika. Als wir in Rio ankamen, traf uns ein Repräsentant der Konföderation und fragte nach drei Spielern für die Auswahl der Welt. Ich wurde ausgewählt, weil ich der beste Fußball-Spieler des Landes im vergangenen Jahr gewesen war, außerdem Wladimir Onisсhtschenko und Sergej Olschanskij.


Der Stürmer der Auswahl von Brasilien, Pele, freut sich nach dem ersten erzielten Tor am italienischen Tor. „Azteca –Stadion“, 21. Juni 1970 © Yurij Morgulis und Aleksej Khomitsch/ Fotochronik TASS.
– Sie hatten die Gelegenheit noch mehrmals vor hunderttausend Zuschauern zu spielen. Kann man das Treffen im „Azteca –Stadion“ mit einem Meisterspiel der UdSSR vergleichen?

– Es gingen noch mehr Menschen in die Stadien in der UdSSR. Es waren die Tage der Erholung, des Festes, und es gab nicht so eine Menge von Unterhaltungsmöglichkeiten wie heute. Und es gab noch Persönlichkeiten im Fußball - Eduard Strelzow, Igor Netto, Lew Jaschin, Boris Pajtschadze. In jedem Team waren Persönlichkeiten, und man ging ihretwegen.

Das Spiel mit Mexiko im „Azteca –Stadion“ kann mit einem Treffen von „Spartak“ und Dynamo Kiew verglichen werden. Aber Spiele mit den Kiewern kamen oft vor, nur jenes Auftaktspiel wurde für mich ein Spiel des Jahrhunderts, ein Spiel fürs Leben.

Wir waren nicht so weltoffen im Fußball, auch wenn wir bei den Weltmeisterschaften spielten, im Europa-Cup begannen wir erst 1965 teilzunehmen. Als "Torpedo" mit "Inter" spielte, saß ich, 16 Jahre alt, am Durchgang im "Luzhniki" und alles war voll. Das ist natürlich vergleichbar.

– Waren Sie jemals bei heutigen Weltmeisterschaften?

– Natürlich. Ich war in Japan 2002, bei der Europameisterschaft in Faro 2004, in Deutschland 2006, in der Schweiz und in Österreich 2008. Und 2010 hatte ich eine Bypass-Operation, es war lange zu fliegen, und ich blieb zu hause. 2012 war ich bei der Europameisterschaft, nahm Reportagen auf, und fuhr dann mit meinem Sohn nach Polen. Ich reiste nicht nach Brasilien, es ist zu weit.


Jewgenij Lowtschew während des Besuchs des „Azteca –Stadions“, 12. May 2016, © Organisationskomitee "Russia-2018"
– Welche der aufgezählten Meisterschaften war besser?

– Ich denke, alles in allem die in Deutschland. Aber ich denke, wir werden auch eine wirklich gute Weltmeisterschaft haben. Erstens, das Land ist unentdeckt, und wenn die Menschen hierherkommen und verstehen, dass es keine Bären auf der Straße gibt, werden sie es für sich entdecken. Ich habe keine Zweifel, dass wir sie veranstalten, die Stadien bauen, es mit den Flügen und Fahrten bei uns normal sein wird. Es wird genauso sein wie mit der Olympiade in Sotschi, als alle dachten, dass es nicht funktionieren würde.

Und von der Organisation her war die beste WM natürlich die in Japan und Korea. Obwohl, es gab da so eine Geschichte. Ich ging mit meiner Frau in einen Laden und der Verkäufer sprach nicht englisch, er sagte: "Sie sind hierhergekommen, also sprechen Sie japanisch!"

– Wodurch wird unsere WM den Touristen in Erinnerung bleiben, womit wird sie gewürzt?

– Es wird keine Würze geben. Sie werden nur sehen, dass wir ein gastfreundliches Volk sind. Wenn Sie bei uns ein bisschen stecken bleiben, kommen wir, zeigen den Weg, laden Sie ein, zu Gast zu sein, bewirten Sie. Alle, die das Böse in Russland sehen, werden etwas völlig anderes - russische Gastfreundschaft - sehen.

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