Die Geschichte eines Bildes: Was haben der Fußball und der Musiker Elton John gemeinsam?

Der sowjetische und russische Sportjournalismus, vor allem der Fußballjournalismus, haben eine reiche Geschichte. In unserer Rubrik erzählen wir über berühmte Sport- und Fußballbilder und ihre Autoren

06 Juli 2016
Sergej Tschistjakow/ Fotochronik TASS
Elton John (links) auf der Tribüne des ZSKA Stadions während des Fußballspiels zwischen den Mannschaften von ZSKA (Moskau) und Dynamo (Minsk), 1979.

Die Fans sind ein unentbehrlicher Bestandteil der Fußballkultur. Bei jedem Spiel nimmt der Fotograf nicht nur das auf, was auf dem Feld passiert, sondern auch diejenigen, die kommen, um das Spiel zu sehen. Oft sind solche Bilder noch interessanter als die Spielmomente selbst. Immerhin ist das eine Gelegenheit, an öffentlichen Personen etwas zu sehen, das für jeden nah und verständlich ist: das Interesse an Sportwettkämpfen, die Aufregung des Fans, die Neugier eines Neulings (oder eines Profis), einfach den Wunsch, sich zu entspannen...

Auf diesem Bild aus den TASS-Archiven sehen wir einen seltsamen Mann mit einer Clownsmütze, mit kitschiger Sonnenbrille und Eis. Die Handlung findet im nun nicht mehr existierenden ZSKA Stadion namens Grigorij Fedotow statt. Wodurch dieses Motiv den Fotografen interessiert hat, kann eine Person, die Rockmusik nicht liebt, nur aus der Unterschrift erfahren – auf dem Bild, das 1979 aufgenommen wurde, ist einer der berühmtesten Musiker des 20. Jahrhunderts - Elton John.

In dieser Geschichte gibt es viel Unglaubliches. Erstens, die Tatsache selbst, dass Elton John in der UdSSR auftrat. Immerhin waren Tourneen ausländischer Sänger dieses Kalibers fast unwirklich. Musikfans, die sich an jene Zeit erinnern, sagen, dass sie es nicht glaubten, als sie Gerüchte über die mögliche Ankunft des Sängers in der Sowjetunion hörten. Und doch gab es Tourneen. Elton John kam im Mai 1979 mit seiner Mutter und dem Schlagzeug-Virtuosen Ray Cooper in die UdSSR. Die Reise wurde ganz oben genehmigt - das Ministerium für Kultur der UdSSR beschäftigte sich mit den Verhandlungen. Es wird berichtet, dass Beamte sogar nach London flogen, um anzuhören, was und wie der Sänger singt, und sicherzustellen, dass sein Repertoire mit der sowjetischen Ideologie in Einklang steht.

Im Jahr 1979 war Elton John noch nicht Sir, aber er war schon mehrere Jahre weltberühmt. Er brachte 11 Tonnen Ausrüstung mit – eine Verstärkeranlage, Licht, einen eigenen Konzertflügel, Pauken und Percussions. Für die sowjetischen Organisatoren war eine solche Ausrüstung für nur zwei Musiker eine Neuheit. Aber noch mehr machte die Situation der Unterbringung im Hotel nervös. Es stellt sich heraus, dass für den Ehrengast nicht sofort ein Zimmer gefunden werden konnte. "Keine freien Plätze" - eine bekannte Aussage für alle Einwohner der Sowjetunion. Aber Elton John wollte sich mit ihr nicht abfinden und weigerte sich, in einem anderen Hotel zu wohnen.

Es musste außer Konzerten auch ein Kulturprogramm geben. In Leningrad besuchte der Musiker die Eremitage und in Moskau beschloss er, zum Fußball zu gehen. Der Besuch von Stadien war Teil des Besuchsprogramms vieler ausländischer Stars. Aber das Erscheinen von Elton John im Fußballstadion war nicht zufällig.

Es ist so, dass der Pianist und Sänger von Kindheit an Fußball liebte. "Aber der Fußballspieler kam nicht aus mir raus, weil ich zu fett war", erinnert er sich. Aber die Liebe zum Fußball begleitet den Sänger sein ganzes Leben. Darüber hinaus versuchte er sich auch im professionellen Fußballmanagement: 1976 wurde Elton John zum Vorsitzenden des Vorstands des Fußballclubs "Watford", mit dem er seit seiner Kindheit mitfieberte. Der Sänger investierte sein eigenes Geld in sein Lieblingsteam und während seiner Präsidentschaft stieg der Klub von der vierten Division zur Elite auf, gewann in der Saison 1982/83 die Silbermedaille, spielte im UEFA-Pokal.

So saß auf der Tribüne des Moskauer Stadions keinesfalls ein zufälliger Tourist, der ein obligatorisches Kulturprogramm absolviert. So beschrieb Elton John ein paar Jahre später seine Eindrücke von diesem Spiel:

– Ich habe Glück gehabt, dass ich jenes Spiel in Moskau sah! Es hat mir sehr gefallen. Trotz aller politischen Unterschiede war es erstaunlich, den Fußball auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs zu sehen, als ob ich ihn zu Hause verfolgte. Dies ist ja gerade die Schönheit des Sports.

Marija Waschtschuk

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