Schönes Spiel: Geschichte des Frauenfußballs

Von der Charity Aktion bis hin zur Weltmeisterschaft
14 März 2016
Gircke/ullstein bild via Getty Images
Spieler der Mannschaft Dick, Kerr Ladies auf der USA-Tour, 1922

Ende Dezember 1920, paar Tage nach Weihnachten versammelte sich am Goodison Park Stadion in Liverpool eine noch nie gesehene Menschenmenge – etwa 53 Tausend Zuschauer. Noch ein paar Tausend Leute, die keinen Tribünenplatz bekommen haben, sind hinter dem Tor geblieben.

Anlass dazu war nicht das Spiel von Everton, gerade dieser Fußballklub spielte im Goodison Park seit Ende des 19. Jahrhunderts, sondern ein Spiel zwischen zwei Frauenmannschaften Dick, Kerr Ladies und St. Helen's Ladies. Besucherrekord bei einem Frauenfußballspiel, der damals gesetzt wurde, hielt das ganze 20. Jahrhundert und wurde erst 2012 in London gebrochen, beim Spiel der Nationalmannschaften England und Brasilien im Rahmen des Olympischen Turniers.

Die Unterschrift einer Karte lautet: „Weltberühmte Fußballmannschaft Dick, Kerr Ladies, Weltmeisterinnen 1917–1925, haben über 70 Tausend Pfund Sterling für gediente Soldaten, Krankenhäuser und Kinder aus sozial schwachen Familien gesammelt. Gewinnerinnen von sieben Silberpokalen und drei Goldmedaillensets“ © Public Domain

 

Schwerer Weg zur Anerkennung

Frauen interessierten sich für Fußball so gut wie gleichzeitig mit Männern – in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In einer der Ausgaben der Zeitschrift Harper’s Bazaar 1869 kann man ein Bild finden, wo vier Frauen in Röcken und Schuhen mit einem kleinen Absatz Fußball spielen. Die Zeitschrift stellte Fußball als eine Unterhaltung dar, aber bereits 1894 entstand in England der erste Frauenfußballverein British Ladies. Seine Gründerin und Aktivistin der Bewegung für die Gleichberechtigung von Frauen Nelly Hudson sagte in einem Interview, dass sie eine Mannschaft gegründet hat, „mit einem entschlossenen Vorhaben der Welt zu beweisen, dass Frauen keine nutzlosen Schmuckwesen sind, wie Männer versuchen, sie darzustellen.“ 



Erstes Spiel des Fußballklubs Ladies' Football Club, 1895 © Rischgitz/Getty Images


Eine britische Zeitung schrieb damals: „Es muss klar sein, dass Frauen harter Arbeit auf dem Fußballfeld gar nicht gewohnt sind. So eine öffentliche Unterhaltung ist zu verachten".  

Aber es stellte sich bald heraus, dass man Frauenfußball nicht verachten, sondern respektieren soll, und das wurde während des Ersten Weltkrieges klar. Englische Frauen gingen in die Fabriken anstatt Männer arbeiten, und in der Freizeit, um sich nach der schweren Arbeit zu entspannen, spielten sie Fußball, wie es früher ihre Ehemänner und Bräutigame taten, die jetzt an der Front waren. Eine der bekanntesten Mannschaften in der Geschichte des Frauenfußballs „Dick, Kerr Ladies“ wurde genau 1917 in Lancashire gegründet. Englische Fußballspielerinnen wechselten bald von Trainings zwischen den Arbeitsstunden zu vollwertigen Spielen. Und die Liebe der Zuschauer, die in großen Mengen Spiele besuchten, setzten sie für das Vaterland ein – das Geld, das man durch Kartenverkauf gesammelte, wurde für Kriegszwecke ausgegeben. 


Dick, Kerr Ladies brachten eigentliche vieles in den Frauenfußball ein. Sie waren unter den ersten, die als Männer während der Spiele gekleidet waren – sie trugen kurze Hosen und T-Shirts mit langen Ärmeln (um die Jahrhundertwende trugen Fußballspielerinnen breite Hosen, die bis Mitte Wade gingen, und Sportblusen, keine Körperteile durften nackt sein). Sie trugen auch das erste internationale Spiel mit Frankreich aus (im Jahr 1920) und waren sogar auf einer Tour in Nordamerika.

Fußballspielerinnen von Dick, Kerr Ladies bei einem Spiel gegen Französinnen, London © MacGregor/Topical Press/Hulton Archive/Getty Images

 Der Krieg war vorbei, aber der Frauenfußball  florierte und sammelte Tausende Zuschauer. 1921 jedoch, ein Jahr nach dem Rekordspiel in Liverpool, verbot der britische Fußballverband Frauen auf ihren Plätzen und Stadien in den nächsten 50 Jahren zu spielen mit Begründung, Fußball sei für Frauen „nicht geeignet und sollte deshalb nicht gefördert werden“. Dieser Schritt beeinträchtigte die Entwicklung des professionellen Frauenfußballs nicht nur in Großbritannien, sondern in der ganzen Welt. In vielen Ländern wurde Frauenfußball als eine Randerscheinung betrachtet, und in manchen war er komplett verboten.

Eine neue Entwicklungsetappe kam nach dem Zweiten Weltkrieg und mit der damit verbundenen feministischen Bewegung. 1957 wurde der Internationale Frauenfußballverband gegründet, und 1966 wurde die erste inoffizielle Weltmeisterschaft in England ausgetragen. FIFA, UEFA und andere offizielle Fußballvereine ignorierten sie, aber Anfang der 70-er Jahre entstanden weitere Frauenfußballligen in mehreren Ländern, einschließlich Frankreich, Italien, Deutschland und England. 1970 und 1971 trug der Frauenfußballverband noch 2 inoffizielle Weltmeisterschaften aus – in Italien und Mexiko.

Nationale Fußballverbände gaben allmählich nach. 1971 lief das 50-jährige Verbot in Großbritannien aus, 1975 wurde Frauenfußball in Brasilien erlaubt. 1972 wurden in den USA Änderungen am Grundgesetz angenommen, die Frauen und Männern gleichen Zugang zur Bildung, darunter auch sportlicher, gewährten. Seit dem Moment wurde Frauenfußball zu einer der beliebtesten Sportarten unter amerikanischen Studentinnen, was ihn in den USA zu seinem heutigen Erfolg brachte. 

Offizielle Geschichte

Aber es verging noch ein Jahrzehnt, bis Frauenfußball die gehörende Anerkennung erlangte. Erst 1984 trug UEFA die erste Europameisterschaft aus, wobei im Laufe von einigen Jahren nur 4 Nationalmannschaften daran teilnahmen. FIFA trotzte länger, aber 1986, als norwegische Fußballspielerin Ellen Wille der Führung des Verbandes öffentlich vorwarf, Frauenfußball zu boykottieren, gaben Sportbeamte auf. 1988 fand in China der erste Wettbewerb der Mannschaften aus unterschiedlichen Kontinenten statt, und es stellte sich heraus, dass die Zuschauerzahl bei Frauenspielen im Durchschnitt bei 20 Tausend Menschen lag. 1991 wurde auch in China die erste offizielle Weltmeisterschaft ausgetragen, den ersten Platz belegte die US-Mannschaft. 1996 wurde Frauenfußball ins Olympische Programm aufgenommen, und in der Saison von 2001/02 führte UEFA den ersten Wettbewerb unter Frauen durch, der jetzt den offiziellen Namen Women´s Champions League trug. 

Die Außenläuferin des deutschen FFC „Frankfurt“ Nia Künzer mit dem 2001/02 UEFA-Frauenpokal nach dem Sieg gegen die schwedische Mannschaft Umea, Frankfurt, Deutschland, 23. Mai 2002 © Gunnar Berning/Bongarts/Getty Images 

  
Heute nehmen an der Frauenweltmeisterschaft 24 Teams teil. Das erfolgreichste von ihnen ist die US-Nationalmannschaft, die seit 1991 3 aus 7 Wettbewerben für sich entschieden hat. Unter den Führern befinden sich auch Mannschaften aus Deutschland, Japan, China, Norwegen, Schweden und Brasilien. Im Frauenfußball gibt es auch internationale Stars – die Brasilianerin Marta (hat für die Nationalmannschaft 92 Tore geschossen, 15 davon in Weltmeisterschaften, fünffache FIFA Weltfußballerin des Jahres), Deutsche Birgit Prinz (dreifache FIFA Weltfußballerin des Jahres), Amerikanerin Mia Hamm (wurde zweimal als FIFA Weltfußballerin ausgezeichnet), Abby Wambach (2011 „die beste Sportlerin der USA“ genannt, Weltfußballerin 2012) und Michelle Akers (FIFA Weltfußballerin des Jahrhunderts).

Fußballspielerin der brasilianischen Nationalmannschaft Marta feiert ihr Tor im Finale der Clubweltmeisterschaft der Frauen zwischen Brasilien und Kanada, Stadion Pacaembu, Sao-Paulo, Brasilien, 19. Dezember 2010 © Nelson 

 Heute spielen nach der Einschätzung von FIFA mehr als 30 Millionen Frauen Fußball, 14% von allen Junioren sind Frauen.  

Frauenfußball in Russland

In Russland genoss das englische Spiel Anfang des 20. Jahrhunderts große Popularität bei den Frauen. 1910 schrieb die Zeitschrift „Russischer Sport“: „Die Bedeutung von Fußball wird von vielen bestritten. Eine Besonderheit stellt der Umstand dar, dass es eine Sportart ausschließlich für Männer ist. Geschweige denn, dass die Beine der Frauen in der Regel schwerer, kürzer und schwächer als die der Männer sind, die ersteren besitzen nicht die für das Spiel notwendige Schnelligkeit der Bewegungen und Geschicklichkeit“. Trotz der Unzufriedenheit des stärkeren Geschlechtes  gab es vor der Revolution allein in Moskau 3 Frauenmannschaften – „Puschkino“, die Mannschaft der Handelsschule und der Petrovsko-Rasumovskaja Liga.

Im August 1911 fand das erste Spiel von Puschkino gegen Petrovsko-Rasumovskaja Liga statt. Puschkino setzte sich mit 5:1 durch.


Die Mannschaft „Puschkino“. Das Photo wurde in der Zeitschrift „Russischer Sport“ Nr. 40, 1911 veröffentlicht.

Zu sowjetischen Zeiten befand sich Frauenfußball in einem halblegalen Zustand. Genauso wie in Europa entflammte das Interesse an ihm wieder in den 60-70er Jahren, besonders in der Ukraine und im Baltikum.  1971 besuchten ungefähr 25 Tausend Zuschauer das Spiel Charkow gegen Vilnius, und 1972 wurden in Dnipropetrowsk Pokalspiele namens Walentina Tereschkowa durchgeführt, an denen Fußballerinnen aus Moskau, Charkow, Ushgorod, Riga, Kiew und Donetsk teilnahmen.

Aber in demselben Jahr 1972 verbat das staatliche Sportkomitee der UdSSR Frauenfußball, -Boxen, -Kampf, -Gewichtheben und andere „männliche“ Sportarten, indem es sich auf ihre Schädlichkeit für den weiblichen Körper berief. Das Verbot wurde erst während der Perestrojka aufgehoben. In den 80-er Jahren gewann Frauenfußball in der UdSSR wieder an Popularität. 1986, erinnert sich Journalist und Mitglied des Präsidiums des Fußballvereins der UdSSR Wiktor Asaulow, schlug die tschechoslowakische Journalistin Olga Tschermakowa vor, die Mannschaft aus der UdSSR zum Pokal der Zeitschrift „Mlady Swjat“ einzuladen. Der sowjetische Journalist, mit dem sie die Idee besprach, veröffentlichte eine Anzeige, die unerwartet Anklang beim Publikum fand – es kamen zahlreiche Briefe von Frauen, die Fußball spielten.

Studentinnen der Sporthochschule in Malachowka baten die Redaktion, ihr eigenes Turnier zu organisieren. Der erste Wettkampf fand 1987 in Chişinău statt, an den Start gingen 8 Mannschaften, darunter auch Teams aus Moskau, Tiflis, Tiraspol und Tscheboksary. Dieses Turnier um den Preis der Zeitschrift „Sobesednik“ legte den Grundstein zur späteren Popularisierung des Frauenfußballs in der UdSSR. „Ball unter der Haarnadel“, „Damen wählen Fußball“, „Schönes Spiel ist Mode“ – das waren die Schlagzeilen aus den Jahren.

Erste regionale und Stadturniere wurden ausgetragen, z.B. die erste Meisterschaft des Moskauer Gebiets fand 1988 statt. 1989 wurde der Frauenfußballverein gegründet, der 1990 die erste offizielle Meisterschaft der UdSSR durchführte. Als Sieger ging der FC „Niva“ aus Kiew hervor. An jeder der 2 Meisterschaften der UdSSR, die 1990 und 1991 ausgetragen wurden, nahmen mehr als 80 Vereine aus allen Republiken teil. 

Die Spielerinnen des FC „Energija“ aus Woronesh feiern den Sieg in der Frauenmeisterschaft Russlands. Im Zusatzspiel für den ersten Platz gewann die Mannschaft aus Woronesh gegen FC ZSKA aus Samara mit 2:1, Krasnodar, 15. November 1995  © Michail Rogosin/TASS 

Die erste Frauen-Nationalmannschaft wurde in der UdSSR 1988 gegründet, geleitet von Oleg Lapschin, der von 1992 bis 2002 auch Leiter des Frauenfußballverbandes war. Ungeachtet der kurzen Existenzzeit führte die Nationalmannschaft über 50 Freundschaftsspiele durch.

Nach dem Zerfall der UdSSR wurde die russische Nationalmannschaft zu ihrer Nachfolgerin. Schon 1992 nahm die Mannschaft an ihrem ersten internationalen Turnier, der Europameisterschaft, teil. Die Russinnen zogen ins Viertelfinale ein und verloren gegen Deutsche mit 0:7. Wie sich der Trainer Oleg Lapschin erinnerte, sagte ihm Wjacheslaw Koloskow, der damalige Leiter des Russischen Fußballverbandes: „Man kann sogar den Bären etwas beibringen“. Später, als „Spartak“ gegen jemanden eine schwere Niederlage erlitt, revanchierte sich Lapschin: „Man versucht bei uns seit 70 Jahren den Bären etwas beizubringen, schafft es aber nicht“. 

Die russische Frauen-Nationalmannschaft: Ksenia Tsybutowitsch, Daria Makanenko, Elena Danilowa, Anastasija Kostjukowa, Ekaterina Dmitrenko, Elvira Todua (obere Reihe von links nach rechts), Ekaterina Sotschnewa, Elena Terechowa, Ljubow Kipjatkowa, Margarita Tschernomyrdina, Anna Koshnikowa (die erste Reihe, von links nach rechts) © RFV 


  Die ersten zehn Jahre waren für die Frauen-Nationalmannschaft ganz erfolgreich: 1995 zog sie wieder ins Viertelfinale der Europameisterschaft ein, 1999 belegte sie den 5. Platz in der Weltmeisterschaft in den USA, 2000 hätte sie es beinahe zu die Olympischen Spielen gebracht.

2001 nimmt die Mannschaft wieder an K.o.-Spielen der Europameisterschaft teil, 2003 – am Viertelfinale der Weltmeisterschaft. Aber danach erreichte die Nationalmannschaft solche Ergebnisse nicht mehr  und ließ den ganzen Ruhm den Junioren: die Nachwuchsauswahlmannschaft gewann 2005 die Europameisterschaft, und die Studentenmannschaft wurde 2007 mit der silbernen Medaille in der Universiade in Bangkok ausgezeichnet.

In ihrer 24-jährigen Geschichte wurde die russische Frauenmannschaft von 8 Trainern geleitet. Heutzutage wird das Team von der 36-jährigen Elena Fomina trainiert, die auch das Oberhaupt des FC „Rossijanka“ ist. Die besten Torschützen der Nationalmannschaft sind heute die 30-jährige Ekaterina Sotschnewa (FC „Rossijanka“) und die 32-jährige Olessja Kurochkina (FC „Swesda-2005“). Jetzt nimmt die Nationalmannschaft an den Qualifikationsspielen der Europameisterschaft teil, die 2017 in den Niederlanden stattfinden wird. 

 
Training der russischen Frauen-Nationalmannschaft in Portugal, den 29. Februar 2016 © Iwan Genkenjow/RFV

 

  In der Frauenfußball-Meisterschaft Russlands gingen 2015 6 Mannschaften an den Start, den ersten Platz belegte das Team „Swesda-2005“ aus Perm.
Spielerinnen der Mannschaft „Swesda-2005“ aus Perm feiern den Sieg im Finale der russischen Meisterschaft gegen FC „Kubanotschki“, FC „Arena Baltika“, Kaliningrad, den 10. September 2015 © Frauenfußballverein "Swesda-2005" Perm 
 
 2007 beschrieb Oleg Lapschin den Zustand von Frauenfußball in Russland so: „An der ersten Meisterschaft der UdSSR nahmen 72 Mannschaften teil, in Russland waren es schon 48, dann sind 32 geblieben, heute sind es acht in der Oberliga und sechs in der ersten Liga. Der Grund ist, dass man  keinen Nachwuchs sucht. Man muss, wie in Amerika oder Deutschland, Frauenfußball auf einer staatlichen Basis in Bildungseinrichtungen entwickeln“. 

Hintergrund

„Programm der Frauenfußballentwicklung bis 2020“

Nach Angaben des Russischen Fußballverbandes aus dem „Programm der Frauenfußballentwicklung bis 2020“ spielen heutzutage ca. 30 000 Frauen Fußball in Russland, davon sind 11 Tausend als Fußballerinnen registriert, aber als professionelle Spielerinnen gelten nur 200 Frauen. Heute zählt die russische Frauenliga mehr als 80 Klubs. Nach der Einschätzung des Russischen Fußballvereins soll die Zahl der Frauen, die Fußball spielen, bis 2020 4 bis 5 Mal höher werden.

Im Herbst 2015 traf der Sportminister und das Oberhaupt des Russischen Fußballvereins Witali Mutko die russische Fußballnationalmannschaft und lobte ihr hohes Niveau. „Mir gefällt die kämpferische Stimmung der Mädels, - sagte er den Journalisten. – Das Herzstück der Mannschaft bilden die Mädels, die die Europameisterschaft als Junioren gewannen“. Mutko hat auch versprochen, bis zu 30% der Mittel aus den zwei nächsten Sponsoringverträgen des RFV für die Entwicklung des Frauenfußballs in Russland bereit zu stellen. 

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