Der richtige Fußball: wie die Sportart Nr. 1 Rugby im Abseits gelassen hat

Was Fußball zum Fußball gemacht hat und wie das Spiel sich in 150 Jahren veränderte 

02 Februar 2016

Geburt des Spiels 

"Gottwidriges Ballspiel“

Verschiedene Ballspiele waren immer und überall beliebt – vom eskimoischen Tungatgak und chinesischen Cuju bis hin zum italienischen Calcio; als Fußballgründer gelten allerdings Engländer. Das erste dokumentierte Fußballspiel, das das Ballspiel mit Füßen beschreibt, fand bereits 217 n. Chr. in der Nähe der heutigen englischen Stadt Derby zwischen Römern und Einheimischen – Briten und Kelten statt. Es gilt, dass die Gastgeber in jenem Spiel gewonnen haben, das Ereignis erinnerte aber schwach an den heutigen Fußball: Spieler benutzten beliebige Techniken, um das Hauptziel zu erreichen – den Ball zu einem bestimmen Punkt auf dem Feld zu bringen. Spielregeln als solche gab es nicht und es durften über 500 Leute von jeder Seite am Spiel teilnehmen, so dass solche Wettkämpfe oft zu blutigen Schlägereien führten.
Stadtbürger beobachten das Fußballspiel, 1721. © Rischgitz/Getty Images
Das grobe und manchmal brutale Spiel veränderte sich jahrhundertelang nicht, wurde aber populärer, was nicht allen gefallen konnte: gegen solche Massenwettkämpfe äußerten sich auch Händler, deren Stände von Massen der „Fußballspieler“ zerstört wurden, und Kirchenvertreter, die Fußball für eine Erfindung des Teufels hielten.

Letztendlich veröffentlichte der Londoner Bürgermeister Nicolas Farndon im April 1314 im Namen des Königs Edward II. eine Beschlussfassung, die den Fußball in der Stadt verbot: „…Lärm und Gedränge in der Stadt kommen von der Rennerei nach großen Bällen, was viel zufälliges Böse mit sich bringen kann, das für den Gott widerlich und unerwünscht ist. Im Namen des Königs verbieten wir dieses Spiel im Stadtgebiet unter Androhung einer Gefängnisstrafe“. 

Bei jedem nächsten König fiel Fußball noch in größere Ungnade: man verbot das Spiel im ganzen Lande und erklärte es als Verbrechen, wofür die Strafe streng war, manchmal bis hin zur Todesstrafe. Auch Grundstückbesitzer, auf wessen Flächen Fußballbegegnungen stattfanden, waren ins Risiko gegangen. Gelegentlich aber stand hinter Antifußballentscheidungen ein durchaus klarer Pragmatismus des Königs – der Staat brauchte Krieger, nicht Sportler, so dass zusammen mit Fußball, der Staatsbürger und Dorfbewohner von Bogenschießen-Übungen ablenkte, auch das Würfelspiel und Tennis unter das Verbot fielen.

Was Fußball betrifft, ist es eher eine Versammlung mit Anlässen zur Schlägerei und Blutvergießen, und nicht ein freundschaftliches Spiel. Die Spieler versuchen, den Gegner auf jede Art und Weise zu besiegen, und das heißt, sie brechen einander manchmal Nacken, manchmal Rücken, mal Beine und mal Arme… diejenigen, die diesen blutigen Spaß überlebt haben, gehen nicht unverletzt daraus, sondern halbtot geschlagen… 

"Anatomie der Missbräuche“ (Autor – britischer Schriftsteller und Pamphletist des XVI. Jahrhunderts Philip Stubbs)
Trotz der ernsthaften Maßnahmen verlor Fußball seine Beliebtheit doch nicht und ist nur hinter die Stadtmauer „umgezogen“ – weiter weg von den Augen der Wächter und Sheriffs. Das Volk hat es doch geschafft, das beliebte Spiel zu verteidigen: 1592 wurde das Verbot in Schottland aufgehoben und nach 11 Jahren auch in England. Die Aufhebung des Verbots hat dem Spiel an sich keine Ordnung gegeben: das erste Spiel nach den im Voraus vereinbarten Regeln fand viel später statt, erst bei Hofe von Karl II im Jahr 1681, aber auch damals waren die Zahl und Haltung der Spieler auf dem Feld gar nicht eingeschränkt.

Dieses Chaos dauerte bis zum Anfang des XIX. Jahrhunderts, bis die fortgeschrittene britische Jugend beschlossen hatte, eine Revolution im Spiel durchzuführen. 

Eine Bild von Jungen, die im Tudor-Zeitalter (1485-1603) Fußball spielen, Grafschaft Hertfordshire. © Universal History Archive/Getty Images

Erste Versuche Ordnung zu schaffen

Das Spiel, das damals in englischen Colleges praktiziert wurde, stellte eine Mischung aus modernen eigenständigen Sportarten – Fußball und Rugby dar. Einheitliche Regeln gab es nicht, in jeder Bildungseinrichtung gab es eigene Regelungen. Zum Beispiel, in einigen Colleges erlaubten die Regeln, den Ball mit der Hand zu führen und zuzuspielen oder den Gegner zu stoßen, in anderen Mannschaften war sowas verboten. Das alles brachte Verwirrung und Durcheinander, weil in beiden Fällen das Spiel ja Fußball hieß. Um überhaupt zu spielen, mussten Mannschaften von beiden Schulen gemeinsame Regeln zu vereinbaren, und so war das vor jedem Spiel.  Am meisten lief das Spiel nach Regeln der Gastgebermannschaft, mit denen die Gäste einverstanden waren.
Studenten des Gonville und Caius Colleges spielen Fußball in der Kleidung viktorianischer Zeit, 1946. © Fox Photos/Getty Images

Wie Rugby entstand

Der Begriff „Rugby“ an sich entstand etwas später, nach einem Zwischenfall während des Spiels am 7. April 1823 in der Stadt Rugby (80 Meilen nordwestlich von London entfernt) zwischen Mannschaften eines lokalen Colleges. Der Legende nach versuchte ein Spieler seine Mannschaft von der Niederlage zu retten und griff den Ball irgendwann mit der Hand und lief zum Gegner-Tor und hat ein Tor geschossen. In dieser Bildungseinrichtung wurde eine Spielart ausgeübt, die das Laufen mit dem Ball in der Hand verbot, und der Sportler wurde sofort disqualifiziert. 

Man sagt, dass gerade dieser Vorfall dem Abtrennungsprozess der alternativen Spielversion die Welt gesetzt hat, und „Rugby-Fußball“ bald Anerkennung in unterschiedlichen Bildungseinrichtungen Englands gefunden hat. Am Ende der 1840-er wurden Regeln erarbeitet, die das Spiel sowohl mit Füßen als auch mit Händen erlaubten, abspielen durfte man aber nur nach hinten oder seitwärts. Diese Regelungen bildeten die Grundlagen des modernen Rugbys.

Mit der Zeit wandelte sich der Rugby-Ball seiner Form nach in eine „Melone“ um, die sich leichter halten ließ, indem man den Ball beim Laufen an sich drückte. Rugby gewann gegen Fußball im Sinne der Unterhaltung, war aber weniger populär dadurch, dass es eine viel härtere Sportart war: viele Rugby-Spieler haben nach dem Spielen ihre Verletzungen lange geheilt, während Fußball-Spieler am nächsten Tag schon wieder zur Arbeit oder ins College konnten. 

Fußball in Rugby, 1870. © Universal History Archive/UIG via Getty Images

Der erste Versuch, Fußballregeln zu systematisieren, wurde 1846 gemacht. Damals diskutierten John Charles Thring und Henry de Winton von der Cambridge Universität 7 Stunden und 55 Minuten lang mit Vertretern von privaten Nachbarschulen bei der Entscheidung, wie diese Regeln nun sein sollen.

Halbes Jahrhundert später teilte einer der Teilnehmer des damaligen Treffens Henry Charles Malden seine Erinnerungen mit: 

Ich habe mich beim Trinity College immatrikulieren lassen. Das nächste Jahr blieb in Erinnerungen durch Versuche, Fußball zu popularisieren, daraus resultierte aber ein volles Durcheinander, jeder versuchte ja nach seinen eigenen Regeln zu spielen, die er noch aus der Schule kannte. Ich erinnere mich, wie Etoner jedes Mal buchstäblich heulten, als Rugby-Schüler den Ball mit den Händen spielten. Also einigte man sich darauf, dass jede Schule durch 2 Personen vertreten werden soll und zwei weitere als unabhängige, neutrale Teilnehmer auftreten sollten. Das waren J. Salt und ich. Ich möchte mich auch an alle andere erinnern: ich weiß, da war Bern aus Rugby dabei und ich glaube, auch Whymper aus Eton. Ich bin mir sicher, insgesamt waren wir 14. Es gab auch noch Vertreter von Harrow, Eton, Rugby, Winchester und Shrewsbury.

Wir haben uns in meinem Zimmer gegen 16 Uhr nachmittags getroffen und in Erwartung eines langen Treffens räumte ich die Tische ab und stellte mehrere Schreibfedern, Tinte und Papier bereit. Einige fragten sogar, ob sie eine Prüfung haben! Jemand brachte eine Kopie der Regeln mit, die in seinem College galten, jemand kannte die auswendig, - so fing ein langsamer Prozess des Entwerfens neuer Regeln an.  Als sich beim Abstimmen Meinungen gleichmäßig verteilten, trafen unbefangene Teilnehmer – Salt und ich –  eine Entscheidung, ob ein Punkt gestrichen oder behalten werden soll. 5 Minuten vor Mitternacht haben wir es beendet. Das neue Dokument wurde als „Cambridge-Regeln“ gedruckt, Kopien wurden im Parker’s Piece Park verteilt…

Jahre später nahm jemand diese Regeln, die in Cambridge immer noch in Gebrauch waren, und mit wenigen Änderungen wurden daraus die Association Rules.

Fußballspiel zwischen Studenten von Oxford und Cambridge, 1875.© Hulton Archive/Getty Images
„Cambridge Regeln" sind zu einem fundamentalen historischen Dokument geworden. Sie beschrieben unter anderem das Tor, Handlungen des Schiedsrichters und das Einspielen des Balls aus dem Abseits. Diese Regeln wurden nicht überall angenommen, aber die Mehrheit der Schulen und Mannschaften haben sie unterstützt. Später bildete dieses Reglement tatsächlich den Grundstein der Regeln der Football Accociation Englands. 

Das Original dieser Regeln ist nicht erhalten geblieben, aber 1856 wurde eine der Varianten dieses Regelwerkes vorgestellt, das in Shrewsbury aufbewahrt wurde: es gilt, dass Autoren dieses etwas nachgearbeiteten Reglements Studenten Kings waren, die im Rahmen dieses Colleges einen Fußballverein gegründet haben.

  1. Dieser Verein bekam den Namen „Universitäts-Fußballklub“.

  2. Bei Spielbeginn soll der Ball in der Mitte des Spielfeldes angestoßen werden; nach jedem Tor soll das Spiel in gleicher Weise wieder angestoßen werden.

  3. Nach jedem Tor: die Mannschaft die das Tor hinnehmen muss, soll den Wiederanstoß ausführen und die Seiten sollen gewechselt werden, falls sie davor umgekehrt spielten.

  4. Der Ball befindet sich im Aus, wenn er die Außenlinie zwischen den Flaggen auf beiden Seiten des Feldes passiert hat. In diesem Fall muss der Ball direkt eingeworfen werden.

  5. Der Ball ist im Aus, wenn er an einer der beiden Seiten des Tores ins Toraus gegangen ist.

  6. Der Ball soll von der gleichen Stelle, an der er ins Aus ging, mit einer maximalen Abweichung von zehn Schritten eingeschossen werden.

  7. Ein Tor ist erzielt, wenn der Ball unterhalb des Taus zwischen die Flaggenpfosten geschossen wird*.

  8. Wenn ein Spieler den Ball mit dem Fuß berührt und dann mit der Hand fängt, muss er ihn, ohne damit zu laufen, sofort weiter schießen. In keinem anderen Fall darf der Ball mit den Händen berührt werden, außer ihn zu stoppen.

  9. Wenn der Spieler den Ball bekommt und dabei weniger als drei Spieler der gegnerischen Mannschaft vor sich hat, darf er den Ball nicht berühren. Kein Spieler darf sich zwischen dem Ball und gegnerischem Tor aufhalten.

  10. In keinem Fall ist das Festhalten eines Spielers, Schieben mit den Händen oder Beinstellen erlaubt. Jeder Spieler darf seine Gegenspieler mit allen Mitteln, die mit diesen Regeln in Einklang sind, daran hindern, in Ballbesitz zu gelangen.

  11. Jedes Spiel wird nur durch die Mehrzahl der erzielten Tore entschieden.

* Torlatten gab es damals noch nicht

Fußballspiel zwischen Nationalmannschaften Englands und Schottlands, Richmond, London, 1891. © Universal History Archive/Getty Images
Noch ein ähnliches Dokument war das Regelwerk „Das einfachste Spiel“. Es wurde 1862 von John Carles Thring erarbeitet, der sich übrigens für die totale Aufhebung des Kontaktkampfes einsetzte, was im Dokument sichtbar ist.

  1. Ein Tor ist geschossen, wenn der Ball zwischen den Torpfosten und unterhalb der Querlatte gespielt wird, bis auf den Fall, wenn er mit der Hand ins Tor eingeworfen wird.

  2. Den Ball darf man mit der Hand stoppen, nur um ihn für den Schlag vor sich zu legen.

  3. Die Schläge sollen nur auf den Ball gerichtet werden.

  4. Es ist verboten, Volleyschüsse abzuliefern.

  5. Beinstellen, Fußstiche und Schläge auf Gegnerbeine sind verboten.

  6. Wenn der Ball hinter Seitenfahnen geschlagen wird, spielt der Spieler, der den Ball ausgespielt hat, den Ball von der Stelle entlang der geraden Linie zum Mittelfeld zurück.

  7. Wenn der Ball ins Toraus geschossen wird, spielt ihn der Spieler jener Mannschaft zurück, über deren Torlinie der Ball gegangen ist.

  8. Gegenspieler müssen mindestens 6 Schritte weiter vom Spieler entfernt sein, der den Ball von der Seiten- oder Torlinie einwirft.

  9. Ein Spieler ist im Abseits, sobald er sich vor dem Ball befindet, und muss sich sofort hinter den Ball stellen. Wenn seine Mannschaft gerade im Ballbesitz ist, darf der Spieler im Abseits den Ball nicht berühren oder vorwärtsgehen, bis ein Gegnerspieler den Ball berührt oder jemand aus seiner eigenen Mannschaft den Ball auf seine Linie oder vor ihn schlägt.

  10. Falls ein Spieler im Abseits ist, darf er nicht angreifen. Er darf nur dann angreifen, wenn er aus dem Abseits raus ist.

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