Das Ziel ist Null

Die besten Torwarte des sowjetischen und russischen Fußballs

28 April 2016
Dean Mouhtaropoulos/Getty Images
Der Torwart der russischen Nationalmannschaft Igor Akinfeew während des Freundschaftsspiels Russland gegen Frankreich, „Stade de France“, Paris, den 29. März 2016

Torwarte werden oft „halbe Mannschaft“ genannt. Die Kunst und Stimmung des Torhüters bestimmen in einem großen Maße das Ergebnis des Spiels und manchmal des ganzen Turniers. Es gibt große Torwächter in der Fußballgeschichte vieler Länder. Ein Beispiel ist der paraguayische Torwart und Torschütze Jose Luis Chilavert und der Deutsche Oliver Kahn, der praktisch mit seiner Willensstärke die deutsche Nationalmannschaft ins WM-Finale 2002 brachte. Es gibt auch viele gute Torhüter im russischen Fußball. Z.B. Rinat Dassaew, der den Ball mit seinen Händen weit über die Feldhälfte schoß, aber immer mit Beinen dort spielte, wo jeder andere mit den Händen spielen würde. Welcome2018.com erinnert an die besten Vertreter der russischen Torwartschule.

Anatolij Akimow – der Aal-Mann

In der Geburtsstunde des russischen Fußballs in den 1930-er Jahren war Anatolij Akimow einer der stärksten Torwarte. Er begann seine Karriere 1931 im Alter von nur 16 Jahren, spielte für das Team der Trjochgornaja Manufaktur, FC „Dukat“ und FC „Promkooperatsii“, wonach Nikolaj Starostin ihn zum neuen Fußballverein „Spartak“ einlud.

In demselben Jahr 1936 erlangte der 20-jährige Akimow die allgemeine Anerkennung, indem er als Spieler der Moskauer Stadtmannschaft in Frankreich gegen den Pariser Fußballclub „Rassing“ auftrat. Ursprünglich war geplant, dass gegen Franzosen entweder der Spartak-Spieler Iwan Ryshow, oder der Dynamo-Fußballer Alexander Kwasnikow spielen werden. Aber die Trainer trafen unerwartet die Entscheidung, erfahrene Torwarte auf der Ersatzbank zu lassen und Akimow aufzustellen.

Und er blamierte sie nicht. Obwohl die Moskauer mit 1:2 verloren, rettete der Torwart sein Team vor der Schande, indem er eine ganze Reihe der Tore verhinderte. Der junge Torhüter wurde in höchsten Tönen durch französische Journalisten gelobt, die ihm für seine fantastische Geschmeidigkeit den Spitznamen „Aal-Mann“ gaben.

In seiner Karriere spielte Akimow für vier berühmte Moskauer Clubs: „Spartak“, „Dynamo“, „Torpedo“ und WWS. Er gilt als der erste in der Geschichte des russischen Fußballs, der mit Fäusten zu spielen begann und diese Technik anderen Torhütern vermittelte.  

Alexej Chomitsch – der Tiger, der Großbritannien eroberte


Alexej Chomitsch © Igor Utkin/TASS 

1945 bald nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hatte der Moskauer FC „Dynamo“ die Ehre, den sowjetischen Fußball im Ausland zu vertreten. Im Herbst fuhr die Dynamo-Mannschaft auf die legendäre Tour nach Großbritannien, die mit Triumph endete. Im Fußballvaterland hatten sowjetische Sportler 4 Spiele: zwei endeten unentschieden (mit 3:3 gegen Chelsea und 2:2 gegen Glasgow Rangers), eines mit dem 4:3-Sieg gegen Arsenal und eines mit deklassierendem Ergebnis gegen Cardiff mit 10:1. Alexej Chomitsch nannten die Britten einen der Haupthelden der sowjetischen Mannschaft.

Der Dynamo-Torwart war ziemlich ungewöhnlich wegen seiner Größe, die lediglich 172 cm betrug. Die für einen Torhüter untypische Große bedingte auch seine ungewöhnliche Spielart, wegen der die Britten ihn „Tiger“ nannten. Seine ungenügende Große und kurze Arme kompensierte er durch unglaubliche Sprungfähigkeit und Geschmeidigkeit, dank denen er auch schwierigste Bälle abwehren konnte.

Chomitsch hätte zum ersten sowjetischen Legionär werden können. Nach Unentschieden mit Chelsea schlugen die Besitzer der „blauen“ vor, Chomitsch zu kaufen, aber er antwortete: „Ich verkaufe mich nicht“.

Chomitsch spielte bis 1952 für Dynamo. In dieser Zeit nahm er an 175 Spielen teil mit 0,9 kassierten Toren pro Spiel. Nach dem Ende seiner Karriere versuchte sich der ehemalige Torwart als Trainer, entschied sich dann jedoch für den Beruf eines Fußball-Pressephotographen. Aber als leidenschaftlicher Fußballfan ließ sich Chomitsch  vom Spiel komplett hinreißen und vergaß Fotos zu machen. 

Lew Jaschin – der Beste aller Zeiten


Lew Jaschin. 1969 © Igor Utkin/TASS

Der Name Lew Jaschin ist weltbekannt, aber nicht alle wissen, dass er seine Sportkarriere auf dem Eis begann, nämlich mit Eishockey. Natürlich auch als Torwart. Bevor er zu Fußball wechselte, gewann Lew Jaschin als Mitglied des Hockeyclubs „Dynamo“ den UdSSR-Pokal und die Bronzemedaille der Landesmeisterschaft. Jaschin kam zum Moskauer FC „Dynamo“ 1950, stand aber bis 1953 im Schatten von Alexej Chomitsch. Nachdem Chomitsch die Mannschaft verließ und bis zum Ende seiner Karriere 1971 blieb Jaschin der ständige Torwart von „Dynamo“. In dieser Zeit gewannen die weiß-blauen 5 Mal die UdSSR-Meisterschaft und 3 Mal den UdSSR-Pokal. Jaschin wurde 11 Mal zum besten Torwart des Landes gekürt. 1956 half Jaschin der sowjetischen Nationalmannschaft die Olympischen Spiele in Melbourne zu gewinnen, 1960 – die erste Europameisterschaft.

Auf der internationalen Bühne führte Jaschin in der ganzen Welt eine neue Torwarttechnik ein. Es geht in erster Linie um das Spielen außerhalb des Strafraums. Vor Jaschin blieben Torhüter immer innerhalb der Torraumzone und versuchten den Ball abzuwehren aber nicht den Stoß zu verhindern.

Jaschin war der erste, der den Angriff mit gezieltem Ballwurf begann. Der legendäre britische Fußballspieler Bobby Charlton sagte einmal, dass dank dieser Technik des russischen Sportlers der Torwart zu einem zusätzlichen Spieler auf dem Feld wurde.

1963 wurde Jaschin mit dem „Goldenem Ball“ als bester Spieler Europas ausgezeichnet. Diese Errungenschaft hat kein anderer Torwart seitdem wiederholt. In demselben Jahr hatte der Dynamo-Torwart die Ehre, das Tor der Weltauswahl im Spiel anlässlich des hundertjährigen Fußballjubiläums zu hüten.

Und wie verabschiedete man ihn! In Moskau organisierte FIFA das Abschiedsspiel von „Dynamo“ gegen die Weltauswahl mit den stärksten Spielern des Planeten. Dieser Abschied war ein wunderbarer Beweis für die Anerkennung der Verdienste unseres Torwarts in der Entwicklung des Weltfußballs. 

Wladimir Maslatschenko – ein Held im Schatten

 
Wladimir Maslatschenko. 1996 © Igor Utkin /TASS


Gleichzeitig mit Lew Jaschin gab es im sowjetischen Fußball noch einen starken Torwart – Wladimir Maslatschenko. In seiner 15-jährigen Karriere nahm er an 315 Spielen der UdSSR-Meisterschaft für die Moskauer FC „Lokomotiv“ und „Spartak“ teil. Er gewann die Goldmedaille der UdSSR-Meisterschaft (1962) und 3 UdSSR-Pokale (1959, 1963, 1968). Der Torwart wurde regelmäßig in die Nationalmannschaft einberufen, nahm an der Weltmeisterschaft 1958, den WM-Qualifikationsspielen 1962 sowie an der Europameisterschaft 1960 teil.

Maslatschenko war einer der besten sowjetischen Torhüter Ender der 50-er – Anfang der 60-er, aber es gelang ihm nicht, weltberühmt zu werden. Der Grund ist einfach, er stand im Schatten von Lew Jaschin, dessen Position im Tor der Nationalmannschaft unerschütterlich war. Maslatschenko war immer extrem zuverlässig, jedoch immer nur ein Ersatzmann.

Nach dem Ende seiner Karriere widmete sich Maslatschenko dem Fußballjournalismus, und hier war er unübertroffen. Der ehemalige  Torwart wurde zu einem der besten Kommentatoren des Landes und kommentierte große nationale und internationale Wettkämpfe. Wladimir Maslatschenko wurde mit dem Orden „Für Verdienste um das Vaterland“ des 2. Grades, mit einer Medaille „Für Außerordentliche Arbeitsleistungen“, dem Orden „Ehrenzeichen“, dem Freundschaftsorden ausgezeichnet. 2000 wurde ihm ein Preis der Russischen Fernsehakademie in der Kategorie „Sportkommentator“ verliehen. 

Wladimir Pilguj – der Nachfolger von Jaschin


Towarte der UdSSR-Nationalmannschaft Rinat Dassaew (links) und Wladimir Pilguj. 1980. © Igor Utkin/TASS

Am 27. Mai 1971 wurde im übererfüllten Lushniki-Stadion das letzte Spiel von Lew Jaschin ausgetragen, in dem der Moskauer FC „Dynamo“ und die Weltauswahl aufeinander trafen. Nach dem Plan wurde Jaschin nach der ersten Halbzeit ausgewechselt. Als er das Feld verließ, gab er seinen Platz im Tor seinem Nachfolger Wladimir Pulguj ab. Jaschin hatte ihn selbst aus mehreren Kandidaten ausgewählt.

Im Laufe von 11 Saisons blieb Pilguj Nummer eins bei „Dynamo“ und einer der besten Torwarte der UdSSR. Er hat vieles von seinem großen Vorgänger gelernt, außerdem blieb der im Club arbeiten und half im Training. Mit seiner Katzengeschmeidigkeit und wunderbarer Bewegungskoordination wurde er schnell zum Publikumsliebling dank seinem spektakulären Spielen.

Der junge Torwart hat seinen Vorgänger Jaschin nicht blamiert. 1973 wurde er als bester Torwart der  UdSSR ausgezeichnet. Pilguj hatte eine tolle Saison. Dank ihm gelang es „Dynamo“ trotz einiger Probleme mit der Zusammensetzung die Bronzemedaille zu gewinnen. Pilguj belegte den ersten Platz in der Liste der 33 besten UdSSR-Fußballspieler. Und er wurde noch viermal in diese Liste aufgenommen.

1980 bei den Olympischen Spielen in Moskau half der Torwart seiner Mannschaft die Bronzemedaille zu gewinnen. 

Rinat Dassaew – Torvorlage mit der Hand

Der Torwart des Moskauer FC „Spartak“ Rinat Dassaew mit dem Preis „Der beste Torwart des Planeten“. 1988. © Igor Utkin und Alexander Jakowlew/TASS

 Der legendäre Torhüter von „Spartak“ Rinat Dassaew kam in den Club zu der schwersten Zeit seit seiner Gründung. 1977 baute der neue Cheftrainer das Team wieder von Null an auf. Unter den neuen Spielern befand sich auch der Torwart des FC „Wolgar“ aus Astrachan. Bald verdrängte der junge Torhüter den erfahrenen Alexander Prochorow und blieb 10 Jahre lang unverändert Nummer eins.

Dassaew hob sich von der Masse anderer Torhüter durch einen ungewöhnlichen Spielstil ab, in dem den Beinen eine große Rolle beigemessen wurde. Einige Experten und Trainer kritisierten diesen Stil, aber der Torwart achtete darauf nicht. „Wozu soll ich die Hände nach dem Ball ausstrecken, wenn ich ihn in dieser Position schneller mit dem Fuß erreichen kann“ – erklärte er.  Der Sprung mit Füßen voraus wurde zu seiner Visitenkarte. Allerdings arbeitete er auch mit Händen wie Scharfschütze, indem er den Ball weit über die Hälfte des Feldes genau dem Mitspieler zuwarf. Solche Pässe wurden oft zu Torvorlagen.

Als Mitglied von „Spartak“ wurde der Torwart zweimal zum UdSSR-Meister. 9 Mal stand er an der Spitze der Liste der besten 33 Fußballspieler des Landes (1979, 1980, 1981, 1982, 1983, 1985, 1986, 1987, 1988).

Als Spieler der Nationalmannschaft der UdSSR nahm Dassaew an drei Weltmeisterschaften teil (1982, 1986 und 1990) sowie an den Olympischen Spielen 1980, wo die sowjetische Nationalmannschaft eine Bronzemedaille gewann. 1988 zog die UdSSR-Nationalmannschaft ins Finale der Europameisterschaft ein, wo sie gegen Niederlande verlor. Damals mußte Dassaew das unabwehrbare Tor von Marco van Basten erhalten. 1988 wurde Dassaew der beste Torwart des Planeten genannt. 

Igor Akinfeew – der Rekord-Mann

Torwart von FC ZSKA Igor Akinfeew beim Spiel „Spartak“ gegen ZSKA im Rahmen der Russland-Meisterschaft. 2015. © Stanislaw Krassilnikow / TASS    

 

 Am 8. April wurde der ZSKA-Torwart Igor Akinfeew 30 Jahre alt, aber niemand kann sich schon an die Zeiten erinnern, wo das Tor von ZSKA von jemand anderem gehütet wurde.

Der zukünftige Torwart der russischen Nationalmannschaft spielte für die Stammbesetzung des FC ZSKA eine Woche vor seinem 17. Geburtstag. Schon in seiner Jugend zeichnete er sich durch sehr reife Technik und den kühlen Kopf aus, und in der nächsten Saison verdrängte er Weniamin Mandrykin aus der Stammbesetzung.

2004 zeigte Akinfeew ein unglaubliches Ergebnis für einen Debütanten – nur 15 kassierte Tore in 26 Spielen. Kein Wunder, dass er nach Saisonergebnissen zum besten Torwart des Landes gewählt wurde. In derselben Saison wurde er der jüngste Youngster in der russischen Nationalmannschaft – beim Freundschaftsspiel gegen Norwegen im April war er genau 18 Jahre und 20 Tage alt. Nur ein Jahr später setzte sich der begabte Torwart gegen solche Koryphäen wie Sergej Owtschinnikow und Wjatscheslaw Malafeew durch und sicherte sich die Position des Torwarts der Nationalmannschaft. 

Nach dem Sieg im UEFA-Pokal 2005 und dem erfolgreichen Ergebnis in der Champions League 2006/07 zeigten sich gleichzeitig einige europäische Top-Clubs an dem ZSKA-Torwart interessiert. Am öftesten verhieß ihm die Presse einen Platz beim Arsenal, aber Akinfeew wechselte nicht. Beim FC ZSKA gewann er zahlreiche Siegestrophäen, wurde mehrmals der beste Torwart Russlands genannt.

Akinfeew hat eine Reihe der Erfolge, dank denen er zu den stärksten Torwarten des russischen Fußballs zählt. Sein hundertstes torloses Spiel machte er mit 22 Jahren, früher als jemand sonst. Das 200ste – eine Woche vor dem 28. Geburtstag. Am 15. Mai 2014 fand sein 204.es torloses Spiel statt, womit er Lew Jaschin übertraf. Ihm blieb nur noch der Rekord von Dassaew – 229 torlose Spiele – den er ein Jahr später mit dem Sieg Russlands gegen Montenegro mit 2:0 brach.

Akinfeew hat noch viele Rekorde – die Zahl der Spiele für die Nationalmannschaft, die Zahl der torlosen Spiele in Europa-Pokalen, die Zahl der Torvorlagen… Aber wichtig ist etwas anderes – er wird lange noch spielen. Und hat eine gute Chance, einen ewigen Rekord aufzustellen.  

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