"Es gibt so seltene Karten, dass sie nicht zu bekommen sind"

Interview mit dem Philokartisten Aleksander Schwarz

30 September 2016
In der Rubrik über das Sammeln rund um den Fußball: Ein Sammler, der den Karten und den Aufklebern zu seinem Lieblingsspiel seit mehr als einem Vierteljahrhundert sein Leben gewidmet hat. Wie und wann erschienen in Russland die Fußballaufkleber und die Fußballkarten, wie kam man in den 90er Jahren an sie heran, wozu sind die Sammler bereit, um eine seltene Karte zu bekommen, über dies und über die wertvollsten Aufkleber, nach denen man auf der Jagd ist, sprach welcome2018.com mit Aleksandr Schwarz.

– Wie kamen die Aufkleber in Ihr Leben?

– Zum ersten Mal wurden die Aufkleber der italienischen Firma Panini für die Fußballweltmeisterschaft 1970 produziert. Doch in der UdSSR gab es sie fast 20 Jahre lang nicht. Es gab einzelne bei Leuten, die ins Ausland reisten, aber es gab keine Sammler, weil es unmöglich war, die Aufkleber regulär zu bekommen. Seit ich zehn Jahre alt war, habe ich Fußballprogramme, Abzeichen und Fußballliteratur gesammelt.

In den 80er Jahren war es schon sehr verbreitet, Sportplakate aus der tschechischen Zeitschrift "Start" zu sammeln. In Moskau gab es ein paar Kioske, die diese Zeitschrift führten, und nach der Schule liefen wir um die Wette zum Kiosk, um es zu schaffen, sie zu kaufen – es gab jeweils nur zwei oder drei Exemplare. Damals konnte ich sehr schnell laufen.

1990 gab es einen Durchbruch. Im Juli, sofort nach dem Ende der Weltmeisterschaft in Italien, wurden diese Aufkleber ins Land geliefert. Alle Sammler bewegten sich damals rund um die Sportbuchhandlung auf der Sretenka. Und dann ruft mich ein Freund an und spricht über die Aufkleber. Zuerst habe ich nicht einmal verstanden, was los war, aber er sagte einfach zu mir: "Komm auf die Sretenka, du wirst es nicht bereuen." Ich war oft in diesem Laden, aber so etwas hatte ich noch nie gesehen. Die schmale Straße, auf der die Trolleybusse in beide Richtungen fuhren, war mit einer Menschenmenge überfüllt, die die Alben und Aufkleber bekommen wollte. Viele Journalisten waren da, fragten nach den Aufklebern, es gab eine ganze Reportage.

An diesem Tag kaufte ich mein erstes Album und eine Packung Aufkleber.

– Die Kollektion war schwer zu sammeln?

– Das Prozess war durch die Möglichkeit, mit anderen Sammlern zu tauschen, erheblich erleichtert. Alle meine Kameraden – die Sammler von Abzeichen, Programmen, Marken, etc., alle stiegen auf das Sammeln von Aufklebern um. Bald bildete sich um den Laden ein Kreis von "Nakleetschniki". Es ist so, dass die Aufkleber nicht gezielt einzeln gekauft werden können, sondern nur in einer undurchsichtigen verschlossenen Verpackung. Da gibt es viele sich wiederholende und deshalb fangen die Sammler an, sich beim Laden zu sammeln und zu tauschen. Der Buschfunk verbreitete die Nachrichten schnell und Leute aus anderen Städten kamen zu diesem Laden, der der einzige im Land war, in dem es Aufkleber gab. Den ganzen Sommer und Herbst 1990 gab es Warteschlangen. Meistens wurden die Verpackungen sofort aufgerissen, buchstäblich ohne von der Kasse wegzugehen. Die Anwesenheit von Gleichgesinnten war sehr bequem, weil es immer möglich war, zu tauschen.

Ich war damals ein 20-jähriger Stankin-Student, im Sommer hatte ich Zeit in Hülle und Fülle, und deshalb habe ich die Sretenka oft besucht. Nur zu den Spielen des geliebten „Spartak“ ging ich weiterhin. Infolgedessen bekam ich ganz schnell ein Album der italienischen Weltmeisterschaft zusammen. Das ist mir besonders lieb, nicht nur weil es mein erstes Album war. Das Album ist interessant, weil es im UdSSR-Kader Aufkleber der „Spartak“-Kultspieler Fjodor Tscherenkow und Sergej Rodionow gibt, mit deren Spiel ich aufwuchs. Obwohl sie am Ende nicht nach Italien fuhren, wurden sie eingefügt. Es ist so, dass die Aufkleber einige Monate danach herausgegeben wurden, und die Bilder dafür manchmal schon ein halbes Jahr vor dem Turnier gemacht wurden.
Die sowjetische Mannschaft im Album der italienischen Weltmeisterschaft 1990. In der rechten Spalte die "Spartak"-Spieler Fjodor Tscherenkow und Sergeij Rodionow, die nicht in die endgültige Mannschaftsaufstellung kamen. © Aleksander Zelikow / TASS
– Gibt es zwischen den Aufklebern einen Unterschied im Wert?

– Die Kollektion von 1990 war so gestaltet, dass es Aufkleber gab, die sehr oft auftraten (zum Beispiel, die Schotten, die Brasilianer und die Argentinier), und es gab seltene glänzende Aufkleber (Verbandsembleme). Aber die seltensten waren die ersten vier, die an den Anfang des Albums geklebt werden - das Meisterschaftslogo, der Goldene Cup, das Maskottchen und das offiziellen Plakat der Meisterschaft. Diese Aufkleber sind traditionell die schwierigsten bei allen Alben. Es gab sozusagen einen ganzen Schwarzmarkt, der es ermöglichte, den Aufkleber der Föderation gegen zehn einfache zu tauschen, und den Aufkleber von der Titelseite sogar gegen fünfzig. Natürlich fing man bald an, mit ihnen zu handeln. Man konnte sich auch hineinsteigern, für einen Studenten wäre das genau das richtige. Ich erinnere mich, wenn ich mit einer Packung Aufkleber zum Fußball kam, fragten mich die Polizisten, die mich am Eingang überprüft hatten, immer überrascht, was das wäre.

– Erinnern Sie sich an den letzten Aufkleber, der das erste Album beendete?

– Ich klebe erst dann ins Album ein, wenn die ganze Kollektion komplett ist, vorher werden sie nur gestapelt. Das erste Album habe ich ohne fremde Hilfe gesammelt, alle Aufkleber stammten aus Packungen, die auf russischem Territorium verkauft wurden. Ich erinnere mich nicht mehr genau, welcher Aufkleber der letzte war, aber es war wohl das Emblem der Föderation.

– Gab es Fälle, in denen Ihnen die notwendigen Aufkleber einfach nicht in die Hände kamen?

– Ja, bei der Weltmeisterschaft in Frankreich 1998 waren in der ersten Partie, die die einzige war, die nach Russland geschickt wurde, drei Engländer nicht ausgedruckt. Aber das Problem habe ich damals ziemlich schnell gelöst.

Im Jahr 1998 fuhr ich nach Mailand, wo „Spartak“ gegen „Inter“ spielte, und hatte vorher einen Brief an die Firma „Panini“ geschrieben, wo ich die Nummern der Aufkleber angab, die ich brauchte. Und der Hersteller hat meine Wünsche vollkommen erfüllt. Damals „schloss“ ich alle meine Sammlungen, darunter auch die Alben von früheren Jahren, die am schwierigsten zu sammeln gewesen waren, weil man die Karten nur noch tauschen konnte.

Seit der WM 1974 habe ich alle Turniere gesammelt, alle Europameisterschaften, die seit 1980 veröffentlicht wurden. Leider habe ich das allererste Album von 1970 nicht. Jetzt beträgt der Preis des Originalalbums (kein Reprint) 2,5 Tausend Pfund Sterling und wird nicht mehr fallen, nur noch steigen. Aber eigentlich bin ich zu geizig, es zu kaufen.

– Waren die Aufkleber nach 1990 immer leicht zugänglich?

– Nein. 1992 wurden keine Aufkleber der Europameisterschaft herausgebracht, das Jahr war nicht einfach. Bis 1994 war der Verkauf von Aufklebern im Land träge. Und 1994 geschah Folgendes: Mein Freund arbeitete in einem Lager für polygrafische Produkte. Und eines Tages ruft er mich an und sagt – die Aufkleber und die Alben der WM 1994 kommen an. Wir waren sehr glücklich und hatten beschlossen, vor den Anderen Blöcke zu Lagerpreisen zu kaufen. Wir haben das ganze Album gesammelt, und dann haben wir gedacht, warum könnten wir damit nicht auch Geld verdienen? Die Kollektion wird über „Sojuzpetschat“-Kioske verbreitet, aber bis sie alles geklärt hatten, die ganze Bürokratie abgewickelt war, fuhren meine Freunde und ich mehrmals ins Lager, kauften die Aufkleber zu Großhandelspreisen. Es ergab sich die Frage, wo verkaufen? Der Laden in Sretenka war damals kurz vor der Schließung, und bald wurde er ganz abgerissen.
Sammelalbum WМ-1994 in den USA. © Aleksander Zelikow / TASS
Ein neuer Platz für Sammler wurde der Platz am "Dynamo"-Stadion neben dem Klubmuseum. Es gab dort ein Merchandisingzelt mit Utensilien, Literatur, Abzeichen usw. Dahin brachte man alles und wir entschieden uns, dass es für uns nichts Besseres gibt als sich auf die Bänke in der Nähe dieses Zeltes setzen.

Natürlich gab es keinen solchen Boom wie in der Sretenka im Jahr 1990, aber Leute waren immer da. Zwei von uns verkauften Packungen und die anderen zwei lose - wahlfrei. Schließlich wurden diese Aufkleber für den gleichen Preis im Zelt verkauft, aber die Leute kamen zu uns, weil wir auch das passende suchen und tauschen konnten.
Die Nationalmannschaft Russlands im Album der WM-1994 in den Vereinigten Staaten. © Aleksander Zelikow / TASS
Gerade zu dieser Zeit begann ich die Aufkleber aus früheren Alben zu sammeln. Zu uns kamen Leute, die auf unterschiedliche Weise an alte Aufkleber gekommen waren, und ich tauschte sie gerne gegen neue. So füllten sich die Alben von 1982 und 1986. Natürlich waren sie nicht ganz vollständig. Ich schloss sie alle erst auf der Reise im Jahr 1998. Jetzt können diese Aufkleber nur bei Sekundärauktionen im Internet gekauft werden. Im Werkslager sind die frühesten Aufkleber im Moment nicht älter als von 2000.

– Was sind für Sie persönlich die teuersten Exemplare?

– Die wertvollsten Aufkleber sind diejenigen, die vor 1990 herauskamen, weil sie in Russland nicht gekauft werden konnten. Natürlich ist mir selbst das Jahr 1990 besonders lieb, weil es der erste ist. Alle anderen Sets, die bereits in Russland massenhaft verkauft wurden, sind alltäglich geworden – Du kannst mehrere Blöcke kaufen, tauschen, einkleben. Und einzeln markiere ich immer die Sammlungen, in denen es "Spartak"-Spieler gibt.

– Sie müssen eine riesige Anzahl haben?

– Ich kann nicht sagen, wie viele Aufkleber ich habe. Im Durchschnitt gehen in ein Album 300 bis 500 Stück, die genaue Anzahl hatte ich nie gezählt. Und insgesamt habe ich etwa 350 komplett geschlossene Alben.

– Sie sammeln auch Karten ...

– Ja, im selben Jahr 1994 begann noch eine meiner Leidenschaften – die Karten. Ein junger Mann aus Amerika kam zu uns zu „Dynamo“ und zeigte etwas unbekanntes, sowohl Karte als auch Aufkleber ... die Besonderheit dieser Karte ist, dass es zusätzlich zu den Fotos Statistiken auf der Rückseite gibt.

Die Firma, die die Karten produzierte, spezialisierte sich auf die NHL und NBA und sich mit Fußball zu beschäftigen hatte man beschlossen, als die WM 1994 in den Vereinigten Staaten war. Und dieser Kerl sagte mir: "Nimm, die ganze Welt wird das bald sammeln."

Diese Karten sind sehr kompliziert, sie haben unterschiedliche Wertigkeiten. Wie die Aufkleber, werden sie in geschlossenen Verpackungen verkauft. In einem solchen Block kann es zum Beispiel 300 Karten geben, fünf davon sind Subserienkarten einer Serie mit einer kleinen Auflage. Und das sind nur 20 Karten in einer Serie, das heißt, um eine Serie zu sammeln, muss man mindestens vier Packungen kaufen, und es gibt eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass Wiederholungen auftreten. Im Allgemeinen ist dies kein billiges Vergnügen, aber ein sehr abenteuerliches, du kannst nicht aufhören, bis du nicht alles gesammelt hast. An der ersten Kartenreihe (WM-1994) sammelte ich vier Jahre, bevor ich 1998 Internet bekam. "Manuell" zu sammeln klappte nicht, ich musste nach Webseiten, nach Leuten suchen, Geld mit riesigen Provisionen ins Ausland überweisen, denn damals gab es noch nicht den Service wie jetzt.

Jetzt gibt es viele Webseiten, die ich oft aktualisiere, weil die Sammler schnelle Menschen sind, wer als erster aufsteht, trägt die Stiefel. Es gibt sogar so seltene Karten, dass sie einfach unmöglich zu bekommen sind, sie existieren nur als ein einziges Exemplar.
Album mit Aufklebern aus der Sammlung von Alexander Schwartz. Links in der Mittelreihe ein Aufkleber mit dem sowjetischen Fußballspieler Ewgenij Lowtschew, rechts in der unteren Reihe ein Aufkleber mit Igor Schalimow, links in der unteren Reihe ein Aufkleber mit Rinat Dassajew. © Aleksander Zelikow / TASS
Ich habe eine solche Karte, mit Roman Pawljutschenko. Ich habe sie in einer Online-Auktion bei einem Verkäufer aus Hong Kong gekauft. Es war wichtig, blitzschnell vor der Deadline den Einsatz zu bieten, so dass niemand Zeit hatte, ihn zu überbieten, und die Deadline war in Ortszeit Hongkong, was die Aufgabe deutlich komplizierte. Es war am 31. Dezember, ich musste den Wecker auf halb fünf Uhr morgens einstellen. Ich bezahlte eine dreistellige Summe in Dollar, wonach ein schrecklicher Nervenkrieg begann, weil die Post sehr langsam lieferte, und der Höhepunkt war die Tatsache, dass sie nicht per Kurier geschickt wurde, sondern einfach in den Briefkasten geworfen!

– Wo treffen sich die Sammler jetzt? "Dynamo" wird doch umgebaut.

– Bei "Dynamo" blieben wir übrigens nur kurz. An der Nordtribüne trafen wir uns vor 1998, aber dann begann die Umverteilung des Eigentums, und wir wurden höflich aufgefordert, zu verschwinden. Und wir fanden einen tollen Platz im Sokolniki-Park, wir treffen uns da bis heute jeden Samstag von 11 bis 14 Uhr, ungeachtet des Wetters. Wenn es trocken ist, befinden wir uns direkt auf der Allee, am Eingang des Parks, wenn es regnet, bewegen wir uns unter das Regendach des Restaurants "Sokolinaja Ohota", wo sie uns kennen und nicht vertreiben. Dieser Treff ist im ganzen Land bekannt, man kommt oft aus anderen Städten zu uns.

Menü
Menü

Welcome 2018

×
Anmelden