"Alle eure Großmütter sind ein wenig Linguisten"

Ausländer über das Unwetter in Russland, Stereotype und Schwierigkeiten der Übersetzung.
28 März 2017

Ahmed Adel, 31 Jahre alt, Ägypter, lebt in Sotschi

Ich arbeitete als Animateur und Tänzer in einem Hotel in Hurghada. Dort wurde ich von den Russen bemerkt und zur Eröffnung eines Klubs in Kemerovo eingeladen. Winter. Sibirien. Ich habe das Wärmste mitgenommen, was ich hatte: Jeans, Schuhe, Pullover. Nun, das reicht, dachte ich, jetzt kann mich kein russischer Winter schrecken.

Ich bin hiergeblieben, weil ihr viel mehr Freiheit habt. In Ägypten musst du, um ein Mädchen kennenzulernen, in das Haus ihrer Eltern kommen.
© Foto aus dem persönlichen Archiv .
Als ich nach Russland ziehen wollte, zeigten mir meine Freunde ein Video, wie ein Mann auf der Straße geschlagen wurde: "Schau, man sagt, so ist es überall in Rußland!" Jetzt sende ich ihnen andere Videos.

In Sotschi gibt es ganz andere Russen,nicht solche wie die, die ich in Hotels in Hurghada gesehen habe. Viele verhielten sich dort arrogant, sie sprachen nicht mit dem Personal. Hier fühle ich mich auf Augenhöhe. Nachdem Auftritt wollen die Gäste mich oft kennenlernen, laden mich zu ihrem Tisch ein. Es ist angenehm, aber nur, wenn sie nicht drängen, Wodka zu trinken. "Bist du kein Mann?" sagen sie dann.

Russische Leute sind ein wenig listig Sie können das Eine sagen, aber das Andere denken. In Kairo sind sie einfacher. Und außerdem spielen viele hier aggressiv Fußball. Das gefällt mir nicht. Was gefällt mir am meisten? Pilaf und eingelegte Gurken!

Ich verstehe, warum russische Mädchen oft Ausländer heiraten wollen. Ihre Männer respektieren sie nicht. Muslime sind ganz anders: die Mutter und die Frau sind die wichtigsten Frauen. Natürlich sollte die Frau auch ihren Mann respektieren. Im Club tanzen, so dass andere Männer es ansehen - das ist nicht gut.

Ich freue mich sehr auf die Fußball-WM. Ich möchte möglichst viele Städte in Russland sehen und verschiedene Spiele besuchen. Ist die Meisterschaft vorbei, kann man auch ans Heiraten denken. Eine Frau, drei Kinder - so stelle ich mir das vor. Ich werde ihnen beibringen, Fußball zu spielen.

Juja Imamura, 28 Jahre alt, Japan. Lebt in St. Petersburg

Ich studiere am Institut, um Sportlehrer zu werden, und unterrichte an einer Kinder- und Jugendsportschule. Die Schüler und die Lehrer fragten zuerst: "Sollen wir dich Juja nennen, nur zwei Buchstaben und das ist alles?" Ich sage: "Nun ja, das ist mein Name." Und sie antworteten: "Nein, so ist es in Japan, aber wir sollen einen Lehrer mit Vor- und Vatersnamen ansprechen. Wie heißt dein Vater? Toshia?" Dann bist du Jurij Toshiewitsch."

Anfangs hält mich jeder für einen Kasachen. Dann für einen Koreaner. Dann für einen Chinesen oder Vietnamesen. Wenn sie erfahren, dass ich Japaner bin, sind sie sehr überrascht, warum bin ich von so weit hergekommen? Zuerst nahm ich diese Frage ernst und erklärte, dass es bei euch einfacher ist, als Fußballtrainer Karriere zu machen, und außerdem möchte ich die Welt sehen. Dann wurde ich müde, das alles immer wieder zu erzählen. Ich antwortete: "Ich liebe Russland, deshalb!"
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Meine Freunde versuchen, Treffen in Sushi-Bars zu planen, weil sie denken, dass Japaner immer Sushi essen.

Mit Aggressionen wurde ich in den drei Jahre des Lebens hier nur einmal konfrontiert, während des Spiels von "Spartak". Seitdem, sage ich sofort, auch bei einer nur kleinen Gefahr: "Spartak" ist der Champion!"

Eure Leute sind kommunikativer. Sie kommen manchmal auf der Straße auf mich zu und fragen nach dem Handy, um zu telefonieren. Sie sagen: "Ich habe kein Geld mehr!" Bei uns schweigt man übers Geld. Und bei euch, - ach was, nichts Peinliches.

Wenn ich auf ein unbekanntes russisches Wort treffe, sind die Freunde oft zu faul, es mir zu erklären, aber wenn das Wort obszön ist, sind alle auf einmal bereit zu sagen, was es bedeutet.

Das Wort, das in St. Petersburg am häufigsten ausgesprochen wird, ist "Depression".

Heather Mello, 49 Jahre alt, USA. Lebt in Saransk

Das erste Mal war ich vor drei Jahren in Russland, als ich während eines Lehreraustauschs an der Universität von Kazan unterrichtete. Dann musste ich in meine Heimat zurückkehren, aber mein Wunsch, in Russland zu arbeiten, blieb.

In Saransk bin ich seit Mitte September 2016, unterrichte Englisch für eine Gruppe von Sprachlehrern und zwei Gruppen von Studenten. Jeden Tag gehe ich zu Fuß von der Arbeit nach Hause und beobachte, wie sich die Stadt mit dem Wechsel der Jahreszeiten verändert. In Russland ist das viel spürbarer als in Amerika.
© Foto aus dem persönlichen Archiv
Eine meiner Hauptattraktionen ist es, hier zum „zentralny rynok“ (zentraler Markt) zu gehen. Ich habe dieses Wort auf Russisch gelernt und noch ein paar dazu, damit ich mit den Verkäufern gut kommunizieren kann.

Auf dem Markt kann man alles finden, nicht schlechter als in einem amerikanischen Supermarkt! Das letzte Mal kaufte ich „tapochki“ (Hausschuhe) , „veshalki“ (Kleiderbügel) und „varenie“ (Marmelade) bei einer „babushka“ (Großmutter) . Wie für viele Ausländer ist mein Erleben von Russland weitgehend mit „babushki“ verbunden. Viele von ihnen kennen mich bereits mit Namen und fragen: „Wie steht es um deine Gesundheit? Bist du nicht erkältet hier bei uns? Eine der Großmütter erklärte mir, den Ursprung des russischen Wortes „naperstok“ (Fingerhut) : es ist bemerkenswert, dass alle eure kleinen „babushki“ Linguisten sind.

Es gibt mehrere fast kuriose Begebenheiten, die mit Einkäufen verbunden sind. Ich konnte zum Beispiel, in einer Schlange nicht verstehen, warum die Leute ignorierten, dass ich auch zur Kasse wollte. Es stellte sich heraus, dass es in Russland und in Amerika ein anderes Verständnis von persönlichem Raum gibt. Er ist hier viel kleiner. Ich glaube, ich habe den Anstand gewahrt und eine Lücke von ein paar Schritten gelassen, und die Leute haben einfach nicht begriffen, dass ich auch in der Schlange stand.

Ehrlich gesagt, hier muss ich viel sorgfältiger auf meine Kleidung achten, um den Frauen von Saransk zu entsprechen. In Amerika erscheint es, wenn ein Student oder eine Studentin zu einem Vortrag kommen, jedem, als wären sie zwei Minuten bevor sie das Haus verließen, erst aufgewacht. Wilde Haare, T-Shirt, Shorts, Flip-Flops sind ein typisches Bild. In Saransk kleiden sich die Leute, vielleicht ... raffiniert. Ja, das ist das passende Wort.

Ein einziges Abenteuer wurde für mich meine Bekanntschaft mit russischen Zügen. Ich erinnere mich, wie ich das erste Mal überrascht war, als unbekannte Leute anfingen, sich in Bademäntel umzuziehen und Snacks herauszuholen. Auf die zweite Reise hatte ich mich schon vorbereitet. Ich nahm auch Hauskleidung und Snacks mit und lernte sogar den Nachbarn kennen. Das war ein junger Mann, der nach der Armee nach Hause zurückkehrte und mich die ganze Zeit nach Birkensaft ausfragte. Ja, ja, in Amerika gibt es ihn auch!

Die Einwohner von Saransk sagen selbst, dass die Stadt in den vergangenen Jahren buchstäblich neu aufgebaut wurde: Es gibt kein altes Zentrum mehr. Das ist für mich als Besucher nicht so spürbar. Ich mag, wie die klassische Architektur mit dem modernen Design auskommt.

Ich mag die Straßenschilder an den Häusern: die Namen der Straßen dort sind nicht nur auf Russisch geschrieben, sondern auch in zwei mordowischen Sprachen. Ich lernte das mordowische Wort "hallo" und sage zu allen: "Schumbrat, Schumbrat!"

Ich versuche, neue Lieblingsplätze in der Stadt zu suchen. Die Kollegen nahmen mich zu einem Fleischrestaurant im Zentrum der Stadt mit und ich muss gestehen, jetzt bin ich ein Fan von lokal gebrautem Starkbier.

Interview von Anna Branowets

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